Der Bau- und BIV e.V. Blog Rohstoff-Blog für Bayern

Rohstoff-Wissen für Kommunen - Expertenrunde greift aktuelle Fragen zu heimischen Rohstoffen auf

Bau- und Rohstoffe werden in riesigen Mengen gebraucht. Die Förderung vor Ort ist wirtschaftlich und ökologisch unerlässlich, aber angesichts der großen Nutzungskonkurrenz bei Flächen und vielen Vorbehalten in der Bevölkerung nicht einfach. Es braucht und gibt Wege und Ansätze, wie Rohstoffgewinnung mit CO2-Einsparung, Artenschutz sowie Mehrfachnutzung von Flächen und Bodenmaterial gelingen kann.

 

Über 120 Teilnehmende aus dem kommunalen Umfeld informierten sich am 24. März 2022 bei der digitalen Expertenrunde „Heimische Rohstoffe: Gewinnung, Artenschutz, Entsorgung und Recycling“ der Bayerischen GemeindeZeitung vergangene Woche über aktuelle Fragen in Bezug auf die regionale Rohstoffgewinnung. Fünf Referenten griffen in Vorträgen kommunalpolitisch relevante Themen auf und beantworteten Fragen aus dem Zuhörerkreis. Was deutlich wurde: Es ging um hochaktuelle, zukunftsträchtige und intensiv diskutierte Themen. Das machte auch Hubert Aiwanger, Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Energie und Technologie, in seinem Grußwort deutlich. Die regionale Rohstoffförderung ist aus seiner Sicht erforderlich, aktuell wichtiger denn je und muss auch weiterhin vorangetrieben werden.

 

Bildnachweise: © Bild Kalkstein © enter89, istock, Bild Wiederverwertung © filo, istock, Bild Sand © RusN, istock, Bild Kies © nico_blue, istock, Bild Eisvogel © MriyaWildlife, istock

 

Flächen und Baustoffe recyceln
Trotz des Bedarfs an Sand, Kies, Schotter und sonstigen mineralischen Rohstoffen von rund 150 Millionen Tonnen pro Jahr in Bayern, liegt der Flächenbedarf der bayerischen Rohstoffgewinnungsbetriebe bei nur rund 0,01 Prozent der Landesfläche. Das stellte Dr. Bernhard Kling, Geschäftsführer des Bayerischen Industrieverbandes Baustoffe, Steine und Erden e.V. (BIV), in seinem Impulsvortrag klar. Die Konkurrenz um die Ressource Fläche ist dennoch groß, das spüren gerade auch die Kommunen deutlich. Darum ist es sinnvoll und notwendig, Flächen mehrfach zu nutzen und so quasi ein Flächen-Recycling zu betreiben.
Recycling ist auch bei den Baustoffen ein großes Thema. Der Anteil der Recycling-Baustoffe liegt derzeit aber nur bei circa 11 Prozent und kann somit die Primärrohstoffe nicht ersetzen. Die Branche arbeitet insgesamt an verschiedenen Lösungen, um die Recyclingmöglichkeiten zu erhöhen. So ist beispielsweise eine Änderung der Betonnorm in der Abstimmung, die deutlich höhere Recyclinganteile erlauben soll. Auch ein Ersatz von Beton ist aufgrund seiner vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten nur in Ausnahmefällen möglich. Gerade deshalb ist die CO2-neutrale Herstellung von Beton ein umso wichtigerer Schritt. Da es regionale Rohstoffförderung braucht und Ersatzbaustoffe nicht ausreichen, sei ein gutes Miteinander zwischen der Industrie und den Kommunen wichtig. 

Hintergrundpapiere des BIV mit vertieften Infos zu den Themen Artenschutz, Recycling und allgemeinen Fakten:

 

Rohstoffgewinnung und Artenschutz gehen Hand in Hand
Das gilt auch für die Rohstoffgewinnung und den Naturschutz. Rohstoffgewinnungsstätten ersetzen häufig die sich dynamisch wandelnden Ur-Landschaften, die in unseren Kulturlandschaften verloren gegangen sind, aber vielen Arten als Lebensräume dienten. Dr. Andreas von Lindeiner vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV) stellte das in seinem Vortrag noch einmal heraus. Das Projekt „Natur auf Zeit“, das der LBV zusammen mit dem BIV ins Leben gerufen hat, will in Zusammenarbeit mit den Betrieben Lebensräume für relevante Amphibienarten in Rohstoffgewinnungsstätten sichern und sich so um Amphibien kümmern, die als Arten vom Aussterben betroffen sind. Die Kooperation im Projekt führt zu einem Vertrag, den das beteiligte Unternehmen mit dem LBV und der jeweiligen Naturschutzbehörde schließt. Er bietet den Firmen zum einen fachmännische Empfehlungen zum Umgang mit Amphibienarten, die sich in den Gewinnungsstätten ansiedeln, und schafft zum anderen Rechtssicherheit für die Unternehmen. Naturschutz gelingt hier trotz des laufenden Betriebs, denn in den Gewinnungsstätten entstehen ganz nebenbei und gerade durch die Dynamik des Abbaus in Bodensenken, Flachgewässern oder Mulden die so wichtigen Laichgewässer für Gelbbauchunken, Kreuzkröten und andere vom Aussterben bedrohte Amphibien.
Im Rahmen des Projekts ist demnächst eine Wanderausstellung geplant, die den Schutz dieser Tiere in den Gewinnungsstätten vorstellt. Auch eine Ausweitung von „Natur auf Zeit“ auf andere Arten, die geschützt werden müssen, wie bestimmte Vögel, Insekten, Reptilien oder Wanderfalken, ist vorgesehen. Dafür werden klare Standards für die Planung, Durchführung und auch die Beendigung von „Natur auf Zeit“ erarbeitet. Auf eine Nachfrage hin machte Dr. von Lindeiner deutlich, dass eine Umsiedlung von Arten in nicht mehr aktiven Gewinnungsstätten wichtig und erwünscht ist, sie jedoch nicht jederzeit möglich ist. Das Projekt ist aber dennoch eine enorm wichtige Übergangslösung und alle Umzugsoptionen und -möglichkeiten werden natürlich immer geprüft. Die Belange der Bio-Diversität können berücksichtigt und umgesetzt werden, ohne dabei die Bedarfe der Wirtschaft zu vernachlässigen –  das zeigt das Projekt „Natur auf Zeit“ eindrucksvoll.  

Kreuzkröte

Laichgewässer

Junge Gelbbauchunke in Fahrspur

Biotop in Steinbruch für vom Aussterben bedrohte Tierarten

 

Kreislaufwirtschaft und Mehrfachnutzung für viel Leistung auf möglichst kleiner Fläche
Flächen spielen für die rohstoffgewinnende Industrie eine große Rolle. Deshalb geht es laut Pius Geiger von der Wilhelm Geiger GmbH & Co. KG in Oberstdorf vor allem darum, dass viel Leistung auf möglichst kleiner Fläche erbracht werden kann. Möglichkeiten, dies zu erreichen, sind die Kreislaufwirtschaft und die Mehrfachnutzung von Flächen. Pius Geiger stellt zwei Beispiele seines Unternehmens vor und zeigt, wie am eigenen Standort ein und dieselbe Fläche immer wieder unterschiedlich genutzt wird. Bei der Rohstoffgewinnung vergeht häufig viel Zeit bis zur Genehmigung und damit bis zum Beginn der Gewinnung. Währenddessen kann eine Fläche auch anderweitig genutzt werden, genauso wie im Anschluss an die Abbautätigkeit. Für die Nachnutzung einer Fläche gibt es je nach Standort, Bodenbeschaffenheit und anderen Faktoren verschiedene Möglichkeiten: etwa als Gewerbegebiet, Bürostandort, renaturiert, als Freizeitfläche oder für die Forstwirtschaft. Durch ein Rohstoffgewinnungsunternehmen, das durch die besonderen Gegebenheiten bei der Förderung Flächen optimal mehrfach nutzen kann, sieht Pius Geiger auch viele Vorteile für die Kommunen. Die Gemeinden bekommen alle Leistungen aus einer Hand, es gibt eine kooperierende Flächennutzung anstatt eines Konkurrenzkampfes um Flächen und die Versorgung ist regional gesichert.

1970er Kies-, Split, Betonwerk

2017 Boden-und Bauschuttdeponie (DK0)

2017 Neubau Verwaltungsgebäude

2021 Baubeginn zweites Verwaltungsgebäude

 

Bodenaushub als Ressource?!
Die Fragestellung „Bodenaushub – Abfall oder Ressource?“ beantwortete Holger Seit vom Landesverband Bayerischer Bauinnungen e.V. (LBB) gleich zu Beginn seines Vortrags selbst. Bodenaushub werde noch zu häufig als Abfall qualifiziert, er gebe aber durchaus viele Anwendungsbereiche, in denen Boden wieder eine Ressource sein könne. Holger Seit gab Tipps und Hilfestellungen zur Zwischenlagerung von Böden anhand einer praktischen Checkliste und zeigte auf, wie ein kluges Bodenmanagement aussehen kann. Wie bei den Flächen ist auch bei Böden ein nachhaltiger Umgang lohnenswert und erforderlich. Zu viel Bodenaushub landet demnach immer noch auf Deponien, doch das sollte weniger werden. Der Aushub wird wieder zur Ressource, wenn er zur Verfüllung von Gruben und Brüchen eingesetzt, in technische Bauwerke eingebaut oder in der Landwirtschaft genutzt wird. Gerade die Verwendung von Bodenmaterial in technischen Bauwerken ist auch gesetzlich geregelt, wird aber den Aussagen von Holger Seit nach zu wenig genutzt. Bei der Wiederverwertung gilt immer der Grundsatz „Gleiches zu Gleichem“. Das bedeutet, dass es durch eine Verfüllung oder Wiederverwendung von Bodenmaterial zu keiner Verschlechterung des Bodens kommen darf. Das Verschlechterungsverbot ist im Bodenschutzgesetz festgeschrieben. Ist Bodenmaterial kontaminiert und nicht wieder verwendbar, ist es wichtig, dass Deponien in der Nähe sind, um lange Wege zu vermeiden. Doch dies ist leider nicht immer der Fall. Es wird bei der Entsorgung von Bodenaushub nie ganz ohne Deponien gehen, stellte Holger Seit klar. Deshalb, so sein Fazit, sei eine flächendeckende Deponien-Kapazität so wichtig. Allerdings müsse der weit überwiegende Anteil in Verfüll-Standorten verwertet oder nach Aufbereitung oder Bodenwäsche wieder als Baustoff eingesetzt werden.  

An zusätzliche Verfüll- und Deponiekapazitäten glaubt Stefan Graf, der als Vertreter des Bayerischen Gemeindetags an der Expertenrunde teilnahm, nicht. Aus seiner Sicht wird das Thema Bodenaushub, das mittlerweile auch sehr stark bei den Kommunen angekommen ist, noch schwieriger. Ab 2024 gilt nämlich ein Deponieverbot für wiederverwertbares Material, was zu einer Rechtsunsicherheit führt. Lösungsansätze sieht Graf eher darin, Bodenaushub zu vermeiden und die stoffliche Verwertung zu unterstützen. Dafür Zwischenlager zu schaffen oder Erdaushubbörsen zu installieren, ist aber seiner Meinung nach eine Aufgabe der Landkreise, nicht der teils sehr kleinen Gemeinden. Auf die Frage, ob er die Länderöffnungsklausel als Erfolg ansehe, antwortete Graf, es sei auf jeden Fall ein Erfolg, dass damit der Verfüll-Leitfaden bestehen bleibt, es aber auch abzuwarten sei, wie sie tatsächlich umgesetzt wird.

 

Im Nachgang zu der Veranstaltung wird es zu den besprochenen Themen einen Sonderdruck sowie ein Kommunal-ABC in der Bayerischen GemeindeZeitung geben.